Die politische und gesellschaftliche Kontroverse um Erdöl- und Erdgasförderung in Norddeutschland

Seit die Bundesregierung von der Energiewende und die G7 von der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft sprechen, werden fossile Brennstoffe wie Erdöl und Erdgas meist als „Brückentechnologien“ repräsentiert; als Auslaufmodell also, an dem wir nur noch so lange festhalten, bis wir unseren Bedarf vollständig aus erneuerbaren Energien decken können. Eine Politik, welche technologische Entwicklung im Bereich der fossilen Energiegewinnung fördert, scheint dagegen einem anderen Jahrzehnt entsprungen. Trotzdem wird seit 2011 – also dem Jahr des durch die Regierung beschlossenen „Ausstiegs aus dem Atomausstieg“ – kontrovers über die Expansion der Erdgasförderung in Deutschland diskutiert. Technologische Innovationen im so genannten Fracverfahren (kurz, Fracking) eröffneten diese politische Möglichkeit, die „Schieferngasrevolution“ jenseits des Atlantiks befeuerte die Fantasien der Befürworter, der Russland-Ukraine-Konflikt die Angst vor der Abhängigkeit vom russischen Gas. Doch schnell formierte sich Protest. Störfälle im Zusammenhang mit der Erdgasförderung in Niedersachsen und die für einen Oskar nominierte Dokumentation Gasland (2010) verringerten die lokale Akzeptanz dieser fossilen Förderpraxis. Sowohl in Niedersachsen als auch in Schleswig-Holstein entstanden Bürgerinitiativen, Umweltverbände positionierten sich, auch in einigen Verbänden wie dem Deutschen Bauernverband und dem Verband Deutscher Mineralbrunnen regte sich Kritik.

Hin- und hergerissen in dieser Kontroverse knüpften politische EntscheidungsträgerInnen die Zukunft dieses Förderverfahrens schon frühzeitig an wissenschaftliche Studien, die „eine solide Grundlage für unsere politische Bewertung“ bilden sollten[1], dabei aber keine eindeutigen Ergebnisse produzierten. Trotz dieses fehlenden wissenschaftlichen Konsens halten viele DiskursteilnehmerInnen an der Hoffnung fest, dass die Wissenschaft eine eindeutige Position zu Fracking einnimmt. Verbunden mit diesem Hoffen auf die Wissenschaft ist oftmals eine geringere Wertschätzung von als emotional empfundenen Positionen festzustellen. „Wir nehmen die Befürchtungen der Bürger ernst, aber wir kanalisieren sie, wir gehen ihnen objektiv nach“[2]. Diese gängige Binarität zwischen Wissenschaft und rationalem Denken einerseits sowie Emotionen anderseits scheint also zu einem bestimmten Maße den Diskurs über Fracking im Speziellen und Erdöl- sowie Erdgasförderung im Allgemeinen zu strukturieren. Im Rahmen des Projekts werden daher folgende Fragen gestellt:

  • Welchen Bedeutungen werden wissenschaftlichen Studien zugeschrieben, welche Bedeutungen Emotionen?
  • Wie legitimieren oder delegitimieren wissenschaftliche Studien, Expertenwissen und Emotionen Positionen zu Fracking?

Nun scheint es gleichsam so, dass die Fracking-Kontroverse auch ein Beispiel für eine größere öffentliche Partizipation an der Energiepolitik ist. Ein Großteil der Öffentlichkeit nutzt nicht mehr nur Energie, sondern gestaltet sie mit. Ein weiterer Fragenkomplex, den dieses Projekt beantworten möchte, dreht sich folglich um die Beteiligungsmöglichkeiten der breiten Öffentlichkeit:

  • Welche neuen Beteiligungsmöglichkeiten gibt es? Inwiefern kann die breite Öffentlichkeit die Politik zu Fracking mitgestalten?
  • Wie fördert/hindert eben beschriebenes binäres Denken die Partizipation der Öffentlichkeit?

 

Theoretische Perspektiven, methodisches Vorgehen

Die Fracking-Kontroverse wird hier mit dem poststrukturalistischen Diskursbegriff nach Ernesto Laclau gefasst. Demnach wird erstens betont, dass uns grundsätzlich ein unmittelbarer Zugriff auf Wirklichkeit verwehrt bleibt. Angesichts der eben kurz umrissenen Suche nach einer wissenschaftlichen Wahrheit zu Fracking muss also theoretisch bereits vermutet werden, dass ein wissenschaftlicher Konsens zwar im besten Fall ein vorübergehendes Fundament für die Politik zu Fracking zu bilden vermag, dieses Fundament aber grundsätzlich instabil und kontingent ist. Deshalb betont der poststrukturalistische Diskursbegriff zweitens, dass es in der Fracking-Kontroverse um die Herstellung von „Wahrheit“ geht. Es geht also darum, hegemoniale Deutungsschemata zu etablieren, die eine unkontroverse Sicht auf Fracking ermöglichen – z.B. indem alternative Sichtweisen als „emotional“ oder „gefährlich“ zurückgewiesen werden. Jedoch verweist der Begriff „Fracking-Kontroverse“ bereits darauf, dass eine solche Deutungshegemonie in diesem Politikfeld fern ist. Drittens ist theoretisch zu erwarten, dass jedes Deutungsprojekt auch bestimmte Partizipationsmöglichkeiten ermöglicht oder verschließt.

Im Rahmen des Projekts wird ein umfassender Textkorpus diskursanalytisch ausgewertet. Der Textkorpus umfasst Parlamentsdebatten (sowohl in Landtagen als auch im Bundestag), Reden & Interviews von BerufspolitikerInnen, Pressemitteilung von Verbänden und Unternehmen sowie Material der Bürgerinitiativen. Zudem werden Interviews geführt. Auf Grundlage eines retroduktiven Verständnisses des Forschungsprozesses wird das Textmaterial durch ein Kodierverfahren methodisch ausgewertet. 

Ziel des Projekts ist es, ein größeres Verständnis über öffentliche Beteiligungsmöglichkeiten in Zeiten der Energiewende im Allgemeinen und in Bezug auf Fracking im Speziellen zu bekommen. Das Projekt wird von dem Exzellenzcluster Ozean der Zukunft an der Universität Kiel finanziert.



[1] Der damalige Bundesumweltminister im Deutschen Bundestag, Plenarprotokoll 17/178 (Mai 2012), 21162.

[2] Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 18/103 (Mai 2015), 9786.