Der Nachhaltigkeitsansatz für die Hohe See

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Wie kann „Nachhaltigkeit“ unter Berücksichtigung der unsicheren Veränderungen der Ozeane konzipiert werden?


Projektbeschreibung

Die Weltmeere nehmen eine Schlüsselrolle für das menschliche Leben auf der Erde ein: Sie regulieren das Klima, sind eine Quelle für Nahrung und Energie, bieten Millionen von Menschen eine Einkommensquelle, sind ein wichtiges Medium für Transport und Handel, dienen der Erholung und stellen ein kostbares Ökosystem mit einer großen Artenvielfalt dar. 

Trotz der in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsenen Bedeutung der Meere ist die Meerespolitik in der internationalen Politik ein noch relativ junges Politikfeld und marine Umweltprobleme nehmen in vielen Staaten nur eine untergeordnete Priorität ein.

WaveAuf internationaler und regionaler Ebene wurden zwar im Laufe der vergangenen Dekaden verschiedene Maß-nahmen und Initiativen zum Schutz der marinen Umwelt ergriffen, für den Bereich der Hohen See besteht aber ein Mangel an Governance-Strukturen. Mehr als 60 Prozent der Fläche, die der Weltozean einnimmt, liegt au-ßerhalb hoheitsrechtlicher Gesetzgebung. Diese Gebiete werden zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gerechnet, ebenso wie die Atmosphäre, die Antarktis oder der Weltraum. 1968 prägte Garrett Hardin den Begriff der „Tragödie der Allmende“ und brachte damit seine Befürchtung zum Ausdruck, dass aufgrund fehlender rechtlicher Regelungen für die Allmende das individuelle Ausbeuten von offen zugänglichen Res-sourcen häufig zu kollektiven Katastrophen führen könne, z.B. durch Verschmutzung oder Überfischung. Sein Lösungsvorschlag, die Allmende durch Privatisierung oder Verstaatlichung zu schützen, ist allerdings für den Bereich der Hohen See nicht anwendbar. Stattdessen sind hier in den vergangenen Jahrzehnten mehrere gemeinsame globale Regelungen und Konventionen entstanden, die das Ökosystem des Weltozeans langfristig schützen sollen.

In diesem Kontext nimmt der Begriff der Nachhaltigkeit eine Schlüsselfunktion ein. Seit seiner Einführung durch die Brundtland-Kommission 1987 hat das Konzept der nachhaltigen Entwicklung nicht nur eine weltweite Be-achtung gefunden, sondern ist inzwischen auch zu einem Leitmotiv für die Gestaltung internationaler Umwelt- und Entwicklungspolitik geworden. Trotz dieser gewachsenen Bedeutung und der Tatsache, dass der Begriff heute im Kontext einer Vielzahl von Politikfeldern – u.a. Sicherheit, Fischerei, Ressourcen, Ökonomie, Gesell-schaft, zukünftige Generationen u.a. – verwendet wird, existiert bisher keine gemeinsame Definition.

Hier setzt das Forschungsprojekt an, das den Begriff der Nachhaltigkeit und seine Bedeutung für den Bereich der Hohen See untersucht. Im Fokus des Interesses stehen dabei folgende Fragen:

  • Wie ist der Begriff der Nachhaltigkeit definiert und welche Bedeutung kommt ihm im maritimen Kon-text zu?
  • Wer befasst sich im maritimen Bereich mit Fragen der Nachhaltigkeit und welches Verständnis davon haben unterschiedliche Akteure?
  • In welchen internationalen Regelungen und Konventionen ist das Nachhaltigkeitsprinzip verankert und welche Institutionen tragen zur Implementierung bei?
  • Welche Bedeutung hat die Umsetzung des Nachhaltigkeitsprinzips für den Prozess der Institutionali-sierung?
  • Wie kann Nachhaltigkeit unter Berücksichtigung der unsicheren zukünftigen Veränderungen der Oze-ane konzipiert werden?


Methodischer Ansatz

Der zeitliche Rahmen der Untersuchung umfasst die zehn Jahre nach dem Erdgipfel 2002 in Johannesburg. Die Studie erfolgt in zwei aufeinander folgenden Schritten. Im ersten Teil wird unter Anwendung eines lexikometri-schen Verfahrens eine diachrone Analyse von regelmäßig erscheinenden Dokumenten (wissenschaftlichen Publikationen, offiziellen Dokumenten, Statements und Reden, Verhandlungsbände von Konferenzen, Protokol-le von Gremien u.a.) durchgeführt, um die Bedeutungen des Begriffs der Nachhaltigkeit, der im politischen Diskurs als leerer Signifikant benutzt wird, herauszuarbeiten. Unter Anwendung linguistischer Methoden wie intertextueller und kontextueller Analysen soll ein breiteres Verständnis von dem generiert werden, was in Texten in Bezug auf Nachhaltigkeit im maritimen Kontext gesagt wird.

Die Kritische Diskursanalyse versteht dabei Diskurs als „an element of social life which is closely interconnected with other elements“ (Fairclough 2003: 3). Soll der soziale Charakter von Texten hervorgehoben werden, ist die Dimension ihrer externen Beziehungen ein Hauptanliegen für den methodischen Ansatz, d.h. für Fragen, wie Elemente anderer Texte intertextuell eingebaut und interpretiert, wie andere Texte erwähnt, angenommen und kommuniziert werden (Fairclough 2003: 36, 47). Julia Kristeva wies als erste in den 1960er Jahren daraufhin (Allen 2000), dass die Grundidee hinter dem Begriff der Intertextualität auf dem poststrukturalistischen Ansatz beruhe, dass Argumente nicht in den Gedanken einzelner Personen entstehen, sondern dass ihre Gedanken in einen komplexen sozio-linguistischen Hintergrund eingebettet sind. Insbesondere eröffnet die Methode der intertextuellen Analyse Einblicke in die Beziehung von Texten mit gegenwärtigen und vergangenen Diskursen (Fairclough 1989: 184-185) und erlaubt, Rückschlüsse auf das Verständnis bestimmter gesellschaftlicher Akteure vom Begriff der Nachhaltigkeit zu ziehen. 

Die Untersuchung der oben beschriebenen Sammlungen von mit Maschinen lesbaren Texten wird mit Hilfe der Korpuslinguistik-Methode vorgenommen.
Nach der Klassifizierung zentraler Signifikanten, ihrer Frequenz und Kookkurrenzen folgt im zweiten Projektteil eine qualitative Untersuchung. Um die Ergebnisse der lexikometrischen Analyse zu vervollständigen, werden qualifizierte Interviews mit ExpertInnen von ausgewählten internationalen Institutionen, Behörden, zwischen- und nichtstaatlichen Organisationen und marinen Forschungseinrichtungen durchgeführt. 

Ziel des Projekts ist, praktische Vorschläge zu entwickeln, wie der Begriff der Nachhaltigkeit für den Bereich der Hohen See konzeptionalisiert werden kann und welche Auswirkungen sich daraus für verantwortungsvolle politische Entscheidungsfindungsprozesse ergeben. Neben der Erzeugung von neuen wissenschaftlichen Er-kenntnissen sollen ferner Politik-Empfehlungen entwickelt werden, wie nicht-nachhaltige Praktiken im Welto-zean effektiver bekämpft werden können und wie ein größeres öffentliches Bewusstsein für die Belange des Ozeans geweckt werden kann.

Projektfinanzierung

Das Projekt wird durch den Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ an der Universität Kiel finanziert und ist dem Forschungsbereich R01: Unser Ozean der Zukunft zugeordnet. Ziel dieses Forschungsbereiches ist, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von WissenschaftlerInnen aus den Disziplinen Ethik, Ökonomie, Politik-, Rechts- und Naturwissenschaften ein Konzept für die Nachhaltigkeit des Ozeans zu entwickeln.

Die Arbeitssprache ist Englisch.

Literatur

Allen, G. (2000): Intertextuality. London, New York: Routledge.
Fairclough, N. (1989): Language and Power, London: Longman.
Fairclough, N. (2003): Analyzing Discourse: Textual Analysis for Social Research, London: Routledge.
Hardin, G. (1968): The Tragedy of the Commons, Science, 162 (3859): 1243–1248.